Von Valerie Tischbein

Spätestens ab dem 3. Semester haben die meisten Studierenden der Universität Passau dieses oder ein ähnliches Phänomen erlebt. Die Studienordnung schreibt den Besuch eines bestimmten Seminars oder die Ablegung einer bestimmten Prüfungsleistung vor, jedoch scheint es quasi unmöglich für diese einen Platz zu erhalten. Die Größe dieses Problems schwankt dabei von Fakultät zu Fakultät. Der sicherlich frustrierte, je nach Semesteranzahl beiweilen auch panische Studierende schiebt seinen Ärger vermutlich erst einmal auf den naheliegensten „Übeltäter“: den Dozierenden. Denn dieser hätte mehr Teilnehmer zulassen oder mehr Seminare anbieten können. Der Kern des Problems liegt jedoch weiter oben in der Bildungshierachie.

 

                                                        Screenshot: privat

 

Das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst schließt seit 2005 sogenannte „Innovationsbündnisse“ mit den bayerischen Hochschulen ab.1 Das aktuell geltende „Innovationsbündnis Hochschule 2018“(pdf) wurde am 08. Juli 2013 von den jeweiligen Vertreter*innen der Hochschulen und der Staatsregierung in München unterzeichnet. Basierend auf diesen Rahmenzielvereinbarungen werden individuell einzelne Zielvereinbarungen für die jeweilige Hochschule getroffen, in denen „festgeschriebenen Leistungen konkretisiert sowie Konsequenzen für das Erreichen bzw. Nicht-Erreichen von Zielen festgelegt [werden]“.2 Für die Universität Passau ist dies die „Zielvereinbarung 2014-2018″(pdf). Darin wird unter anderem festgelegt, wie viele Erstsemester die Uni Passau jedes Jahr zusätzlich zulassen muss.

Nun stellt sich die Frage, was dies mit übervollen Seminaren zu tun hat. Das Problem nahm seinen Lauf, als die bayerische Landesregierung 2014 einen Stellenstop für den öffentlichen Dienst beschlossen hat, so dass seitdem keine oder nur sehr wenige neue Stellen bewilligt werden. Parallel hierzu fordert die Staatsregierung in den Zielvereinbarungen seine Hochschulen allerdings dazu auf, jedes Semester mehr Erststudierende zuzulassen und somit die Anzahl der Studierenden in Bayern zu erhöhen. Werden die Vorgaben nicht erfüllt droht die Streichung finanzieller Mittel. (Was genau ist eine Zielvereinbarung und welche Bereiche der Uni betrifft sie? – Das findet ihr hier.) Die Universität ist also verpflichtet jedes Semester mehr Studierende aufzunehmen, bekommt aber keine zusätzlichen Stellen, die für deren Betreuung notwendig wären. Dass diese Dynamik irgendwann zu einem Problem führt scheint auf den ersten Blick erkennbar. Etwas Abhilfe schafft das Gremium zur Vergabe von Studienzuschüssen, welches Mittel an die zentralen Einrichtungen und Fakultäten verteilt, so dass diese ggf. studentische Hilfskräfte, wiss. Mitarbeiter und Lehrbeauftragte einstellen können. Die hier vom Freistaat bereitgestellten Mittel sind eigentlich zur Verbesserung von Lehre und Forschung gedacht, reichen aber nichteinmal für den Erhalt des Status Quo. Beispielsweise werden Tutorien der philosophischen Fakultät mit etwa 50.000 Euro finanziert. Über 30 Anträge wurden hierfür bereits für das Wintersemester 2017/18 gestellt. Dass das System nicht vollkommen kollabiert liegt zum einen an Projektstellen, welche durch Drittmittelfinanzierung ermöglicht werden zum anderen an der Handlungsbereitschaft der Dozierenden, durch welche Seminare für mehr Teilnehmer als eigentlich geplant geöffnet werden. Diese Eigeninitiative bedeutet vor allem mehr Arbeit und nicht wirklich mehr Lohn, von der Dankbarkeit der Studierenden einmal abgesehen.


1 Quelle: https://www.km.bayern.de/studenten/wissenschaftspolitik/innovationsbuendnis.html (abgerufen am 14.05.17)

2 Innovationsbündnis Hochschule 2018, Paragraph 1 Absatz 2


  • Innovationsbündnis und Zielvereinbarungen im Detail

    Zusammenfassung – Das steht im Innovationsbündnis und in den Zielvereinbarungen

    Die gemeinsamen Vorgaben für alle bayerischen Hochschulen umfassen unter Anderem folgende Punkte:1

    • Ausbildungskapazitäten sollen sichergestellt werden
    • die Qualität der Lehre soll verbessert , die Studienerfolgsquote erhöht und das Leistungsniveau der Absolventen erhalten werden
    • die gute wissenschaftliche Praxis soll erhalten bleiben

    Als mögliche individuellen Ziele der einzelnen Hochschulen werden unter Anderem vorgeschlagen:2

    • der künstlerische und wissenschaftliche Nachwuchs soll gefördert und Karriereperspektiven konzipiert werden
    • die IT-Infrastruktur soll weiterentwickelt werden
    • es sollen mehr Drittmittel eingeworben werden

    Um die Einhaltung der Vereinbarung zu gewährleisten müssen die Hochschulen spätestens bis zur Hälfte der Laufzeit über die Erreichung der Ziele berichten.3 Diese Berichte sind jedoch nicht öffentlich einsehbar. Die eigenen Ziele, welche sich die Universität Passau gesetzt hat sind laut der Zielvereinbarung die folgenden:4

    • Wissenschaftliche Exzellenz und Sichtbarkeit
      •  finanzielle  Aufstockung  des  Gastwissenschaftlerprogramms
      • Unterstützung für die Teilnahme an internationalen Konferenzen und Forschungsreisen
      • Forschungspool und Forscherwerkstatt
      • Weiterentwicklung des Graduiertenzentrums
    • IT-Infrastruktur
      • Integriertes Campus-Management-System
      • Elektronischer Studierendenausweis
      • Elektronische Akte (eAkte)
    • Lehrinnovationspool
      • drei innovative Lehrprojkete pro Jahr
      • Forschungsbezug der Lehrveranstaltungen, vor allem im Masterbereich
      • Internationalisierung, um  mehr  ausländische  Studierende  für  ein  Studium  in Passau zu gewinnen
      • Transdisziplinarität bei fakultätsübergreifenden Studienangebote

    Quellen:

    1 Innovationsbündnis Hochschule 2018, Paragraph 2 Absatz 2

    2 ebd. Paragraph 2 Absatz 3

    3 ebd. Paragraph 3 Absatz 2

    4 Zielvereinbarung Universität Passau 2014-2018, S. 20-31